Für fast jeden Lebensbereich gibt es sie. Sie nehmen dich auf, hören dir zu, verstehen dich, bekunden Interesse und unterstützen dich.
Mit dem Aufstieg des Internets sind sie in unser Leben getreten und kaum noch wegzudenken: Die Online-Communities.
Sie formen den Mittelpunkt der surfenden Bevölkerung Deutschlands (>70%) und entwickelten sich zu einem neuen dezentralen Dorfplatz. Im Zuge dessen hat dann auch das Wort surfen seine Daseinsberechtigung ein stückweit verloren. Denn ganz nach dem Vorbild des bekannten schwedischen Möbelkonzerns stellt sich heute die Frage: Surfst du noch, oder netzwerkst du schon?
Online-Befragungen des ARD und ZDF zufolge sind 76% der deutschen Internetnutzer (März 2011: 46,1 Mio.) in sozialen Netzwerken unterwegs.
Ein ähnliches Verhalten ist auch in anderen Industrienationen zu beobachten. Auf die Bedürfnispyramide von Harold Maslow übertragen, lässt sich schnell sagen, dass Online-Communities eine nie dagewesene Vielfalt bieten, um eigenen sozialen Bedürfnissen nachzukommen – sei es, um sich den eigenen Freunden mitzuteilen oder Bestätigung zu ergattern: Die Möglichkeiten des Netzwerkens werden genutzt. Die einen zeigen ihre Fotos und kommentieren fleißig, andere diskutieren über Politik oder sinnfreie Videoclips, wieder andere tauschen Lebenserfahrungen aus oder knüpfen Geschäftskontakte.

Aber…
…die Online-Communities werden aktiv und passiv genutzt. Der Anteil der aktiven User bleibt hinter dem der inaktiven Nutzer zurück; das dürfte für die meisten Nutzer einleuchtend sein, hinterfragt man seine eigenen Gewohnheiten und Erfahrungen. Der Grad der Partizipation in sozialen Netzwerken variiert drastisch, je nach Thema und Größe der Plattform. Aber auch Gesprächspartner und der persönliche Wert eines Kontakts beeinflussen die Bereitschaft zur aktiven Teilnahme entscheidend – oder eben nicht. Praktisch gibt es alle Ausprägungen: Communities mit 90% aktiven Usern und solche mit 1%. Der Grad der Aktivität nimmt jedoch mit der Größe der Community meist ab. Facebook ist allerdings eine stellvertretende Ausnahme, denn hier gibt es die Communities in der Community; sprich Freunde und Bekannte.
Ein Begriff für die vermeintlich passive Mehrheit ist auch schon gefunden: Die lurker (dt. lauern, herumschleichen). Die Inaktiven fungieren dabei oft als stille Teilhaber und Profiteure. Doch hin und wieder trauen sich diese ständigen Beobachter doch mal aus der Deckung. Und eben dann werden sie zu delurker (Online Jargon Dictionary). Sicherlich hat auch der „soziale Druck des Internets“ eine aktivere Beteiligung am Mitmachweb befördert.

Aber was treibt die Lurker an?
Forscher von der University Maryland haben sich dazu Gedanken gemacht und die Bedürfnisse und Motivation erforscht. Was sie herausgefunden haben, erklärt sich dem Internet und Social Media-Veteran von selbst. Die Bedürfnisse der passiven User erstrecken sich dabei von der Informationssuche und Unterhaltung bis hin zum Bedarf nach Vernetzung, um in der digitalen Welt nicht zurückzufallen. Bei den Beweggründen dominierte Schüchternheit im Offline-Leben sowie das Bedürfnis nach Anonymität und Sicherheit.
Wir persönlich finden, dass sich das nach ganz „normalem“ Nutzerverhalten anhört. Und als solches sollte es – und wird es auch schon – von Communitybetreibern interpretiert werden. Immerhin ist die Aktivität von allen Usern extrem unrealistisch und auch gar nicht nötig. Zwei japanische Forscher am MIT in Massachusetts nennen das Ganze active lurking: Scheinbar inaktive Mitglieder nehmen Informationen auf und geben sie durch andere Kanäle weiter (auch offline in der Kneipe um die Ecke oder beim Kicken mit Freunden). Und diese offline Viralität ist es, die Unternehmen, Verbänden und Institutionen zu Gute kommt.

Vielleicht stimmt es dann ja doch: Reden ist Silber, Schweigen ist…

Zum Weiterlesen noch ein kleiner Tipp unsererseits: Takahashi, Fujimoto: Active Lurking: Enhancing the Value of In-house Online Communities through Related Practices Around the Online Communities.